William Lane Craig

Occupy! (Das Ende einer Epoche 3)

Viele Christen, gerade wenn sie aus dem eher konservativen Spektrum kommen, sehen die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und ihre Reaktion darauf ist: Das Ende ist nahe! Dies sind die “letzten Tage”, wahrscheinlich wird Jesus bald wiederkommen, die Welt ist sowieso nicht mehr zu retten, wir müssen nur noch etwas aushalten. Und dazu gibt es ja auch die passenden Bibelverse, allerdings: Diese Verse wurden schon von Generationen vor uns bemüht. 1806 waren sich große Teile der Christen sicher, dass Napoleon der Antichrist sei und dass das Ende nahe stünde. Doch die Periode der “letzten Tage” wurden bereits in Apostelgeschichte 2:17 ausgerufen und aus dem Kontext wird eigentlich deutlich, dass es ein Zeitraum ist, der durchaus länger andauern kann.

Eine falsche Logik

Obwohl ich schon glaube, dass wir heute dem Ende näher sind als damals, glaube ich trotzdem nicht, dass die oben geschilderte Logik (Das Ende ist nahe, die Welt ist nicht mehr zu retten, geben wir sie also auf) für uns Christen legitim ist. Zum einen wurden wir von Christus in vielfacher Weise beauftragt und wir haben kein Recht, die Arbeit einfach ruhen zu lassen und zu warten, bis er wiederkommt. Der allgemeinste Arbeitsauftrag ist “Salz und Licht” zu sein und der gilt – wie alle anderen auch – bis zum Schluss. Zum anderen gibt es einen meiner Meinung nach viel gewichtigeren Grund, warum wir so eine Haltung nicht haben dürfen. Wenn wir unseren Auftrag hier “aufgeben” und stattdessen uns zurückziehen und resignieren (weil alles ja so aussichtslos, so schlimm geworden ist), dann ist das schlicht und einfach Unglaube.

“Doch wenn der Sohn des Menschen kommt, wird er auch den Glauben finden auf Erden?” – Lukas 18:8

Jesus stellt seinen Jüngern diese Frage am Ende der Geschichte von dem ungerechten Richter und der Witwe. Die Witwe ist in diesem Gleichnis in einer aussichtslosen Lage, ist Witwe in einer patriarchalischen Kultur, komplett benachteiligt, hat nicht wirklich den längeren Hebel. Der Richter ist das Gegenteil: Mächtig, männlich (in der damaligen Kultur entscheidend), sitzt am längeren Hebel und hält eine offizielle Position. Die Witwe kann eigentlich nichts tun, außer den Richter immer wieder zu belästigen – und sie tut das und bekommt ihren Willen. Danach zieht Jesus den Vergleich und spricht uns zu, dass Gott im Gegensatz zum Richter gerecht ist und uns viel schneller Recht verschaffen wird. Und dann kommt – wie aus dem Nichts – dieser “Endzeitvers” aus dem Munde Jesu. Verstehen wir jetzt den Kontext?

Gott legt das Ende fest, nicht wir

Als Kinder des allmächtigen Richters sind wir niemals in einer aussichtslosen Lage und es ist umso peinlicher für uns, wenn die Witwe, die eigentlich nichts machen kann, trotzdem etwas macht und wir uns trotz unserer uns von Gott erliehenen Vollmacht (Johannes 1:12) ungläubig und resignierend zurückziehen. Das ist Unglaube, denn wir glauben tief in unserem Herzen nicht, dass Gott auch in der letzten Stunde noch was bewirken kann. Dabei ist Gottes Heils- und Wirkungsgeschichte voll von Gottes Handeln in der letzten Sekunde, denken wir nur an den Dieb am Kreuz!

Zwei ungewöhnliche Beispiele von Gottes Wirken

Um meine These zu untermauern möchte ich zwei Beispiele hier schildern, wo Gott in Bereiche eingegriffen hat, die vielen Menschen als “zu gottlos”, zu unmöglich erscheinen würden. Der eine Bereich ist die universitäre Philosophie, der andere Bereich ist eine bestimmte Musikszene. Beginnen wir mit der Philosophie.

Eine christliche Renaissance in der Philosphie

Die Philosophie ist ein Gebiet, was von vielen Christen gemieden wird. Warnt doch Paulus im Kolosserbrief explizit davor, dass wir uns nicht von der “Philosophie und dem leeren Trug” einfangen lassen* (Kolosser 2:8). In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts war der naturwissenschaftliche Naturalismus die vorherrschende Denkart, die Naturwissenschaften waren der Wahrheitsmaßstab an dem alles gemessen wurde. William Lane Craig schreibt über diese Zeit folgendes:

“Die Metaphysik – jener traditionelle Zweig der Philosophie, der sich mit Fragen über die Realität beschäftigt, die über die Wissenschaft hinausgeht – galt als überwunden, aus der Philosophie vertrieben wie ein unreiner Aussätziger. „Die Wissenschaftstheorie“, so Benacerraf, „war die Königin aller Philosophiezweige“, da „sie die Werkzeuge dazu besaß, alle Probleme anzusprechen“. Jedes Problem, das nicht wissenschaftlich angegangen werden konnte, wurde einfach als Scheinproblem abgetan. Wenn es auf eine Frage keine wissenschaftliche Antwort gab, dann galt sie nicht als wirkliche Frage – sondern nur als Scheinfrage, die sich als wirkliche Frage ausgab. Ja, ein ganzer Teil der Aufgabe der Philosophie bestand darin, die Disziplin von dem Durcheinander zu reinigen, das frühere Generationen durch ihr endloses Ringen mit solchen Scheinfragen angerichtet hatten. So herrschte ein gewisser selbstbewusster Kreuzzugs-Eifer, mit dem Philosophen ihre Aufgabe ausführten. Die Reformer, so Benacerraf, „trompeteten die militante Bekräftigung des neuen Glaubens heraus …, nach dem die Verwirrungen unserer vorsichtig umhertastenden Vorgänger durch die neu auftauchende Wissenschaft der Philosophie ersetzt werden sollte. Diese neue Aufklärung sollte die alten metaphysischen Ansichten und Haltungen zum Abdanken zwingen und sie ersetzen durch eine neue Art, Philosophie zu betreiben.“ Das Buch Language, Truth and Logic (dt. Sprache, Wahrheit und Logik, A.d.Ü.) des britischen Philosophen A. J. Ayer diente als Art Manifest dieser neuen Bewegung. […] Die Hauptwaffe, die Ayer in seinem Feldzug gegen die Metaphysik anwandte, war das gerühmte Verifikationsprinzip der Bedeutung. Nach diesem Prinzip, das zahlreiche Revisionen durchlief, muss ein Satz, um Bedeutung zu haben, im Prinzip dazu geeignet sein, empirisch verifiziert werden zu können. Da metaphysische Aussagen außerhalb der Reichweite empirischer Wissenschaften lagen, konnten sie nicht verifiziert werden und wurden deshalb als eine sinnlose Kombination von Worten abgetan. Nun mag jemand sagen, dass wir Beweise für Gottes Existenz liefern können. Aber Ayer will davon nichts hören. Wenn man mit dem Wort „Gott“ ein transzendentales Wesen bezeichnet, so Ayer, dann ist das Wort „Gott“ ein metaphysischer Term, und damit „kann es nicht einmal wahrscheinlich sein, dass ein Gott existiert“. Er erklärt „zu sagen, dass ‚Gott existiert‘ heißt, eine metaphysische Äußerung zu tun, die weder wahr noch falsch sein kann. Und nach demselben Kriterium kann kein Satz, der behauptet, die Natur eines transzendenten Gottes zu beschreiben, irgendeine tatsächliche Bedeutung haben“. Nehmen wir an, ein Christ behauptet: „Aber ich kenne Gott durch eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Sie können meine persönliche Erfahrung nicht leugnen!“ – so wäre Ayer nicht beeindruckt. Er würde nicht mehr leugnen, dass jemand eine solche Erfahrung hat, so sagt er, als dass er leugnen würde, jemand habe die Erfahrung macht, – sagen wir – ein gelbes Objekt gesehen zu haben. Doch, so sagt er, „während der Satz ‚Es existiert hier ein Ding aus gelbfarbigem Material‘ eine echte Aussage darstellt, die empirisch verifiziert werden könnte, habe der Satz ‚es existiert ein transzendenter Gott‘ keine tatsächliche Bedeutung“, da er nicht verifizierbar sei. Somit sei die Berufung auf das religiöse Erlebnis, so Ayer, „ganz und gar ein Trugschluss“. […] Und es handelte sich nicht nur um metaphysische Aussagen, die für sinnlos erachtet wurden. Ethische Aussagen – Aussagen über richtig und falsch, gut und böse – wurden ebenfalls für sinnlos erklärt. Warum? Weil sie nicht empirisch verifizierbar sind! Solche Aussagen sind einfach ein emotionaler Ausdruck der Gefühle dessen, der sie verwendet. Ayer sagt, „wenn ich sage „Geld zu stehlen ist falsch“, dann produziere ich eine Aussage, die keine faktische Bedeutung hat …Es ist so, als hätte ich geschrieben „Geld stehlen!!“ … Es ist klar, dass hier nichts ausgesagt wurde, was wahr oder falsch sein kann“. Somit folgert er, dass Werturteile „absolut keine objektive Gültigkeit besitzen“. Dasselbe gilt für ästhetische Aussagen über Schönheit und Hässlichkeit. Gemäß Ayer werden „solche ästhetischen Worte wie ‚schön‘ und ‚scheußlich‘ nicht verwendet …, um Aussagen über Tatsachen zu treffen, sondern einfach, um bestimmten Gefühlen Ausdruck zu verleihen…“.

ALVIN PLANTINGA -Gods One Man Army

Wer die Implikationen dieser Ideen versteht, den verwundert nicht, dass kurze Zeit später die Theologie unter dem Einfluss des Verifikationismus die “Gott ist tot”-Theologie entwickelte. Aber was ist daraus geworden? Wer hat dieses so sichere Gebäude zum Einsturz gebracht? Ein einzelner, relativ schüchterner Mann namens Alvin Plantinga.

Alvin Plantinga

Heute ist Gott in der Philosophie quicklebendig und der Verifikationismus tot und aus der Philosophie komplett verschwunden. Wie ist das passiert? Die Details kann man hier nachlesen, die Kurzfassung trägt einen Namen: Alvin Plantinga. Durch sein Buch “God and other Minds” begann der Verifikationismus zu bröckeln und Plantinga zeigte unermüdlich, dass es durchaus “vernünftig” ist, metaphysische Aussagen zu machen und an einen Gott zu glauben.

“The Society of Christian Philosophers is now the largest single group within the American Philosophical Assoziation” – TempletonPrice

Plantinga ist ein Beispiel, wie Gott durch einen Mann einen ganzen Fachbereich beeinflussen kann, den viele als gottlos aufgegeben hatten. Ich empfehle jedem, den hier zitierten Text von William Lane Craig ausführlich zu lesen, hier ist der Link (PDF):
+ Die Revolution in der angloamerikanischen Philosophie von W.L. Craig

In folgendem Video wird auf kurze und einfache Weise Plantingas Argument, warum der Glaube an Gott nicht irrational ist, erklärt:

Gott unterwandert eine Musikszene

Kommen wir von der Philosophie zu etwas ganz anderem: extreme Musik. Viele ältere Leser werden mit dem Begriff “Metalcore” nichts anfangen können. Es ist auch besser, wenn ihr euch das gar nicht erst anhört, es könnte euren musikalischen Vorstellungsrahmen sprengen und es ist für euch nur Krach. Viele, die noch nicht 30 sind, können aber mit Stichworten wie Warped-Tour, Hardcore, Punk, Breakdowns etwas anfangen: Es war von ca. 2000 bis 2010 eine der erfolgreichsten nichtkommerziellen Musikrichtungen. Metalcore ist eine Fusion von Hardcore-Punk und Heavy Metal, eine Musik die durch extrem heftige Gitarren, Breakdowns und Geschrei gekennzeichnet ist. Die Hardcoreszene ist normalerweise voll von Anarchisten, Punks, Linksradikalen und Veganern – bis zum Rand beladen mit Ideologien, die eigentlich nicht im christlichen Bereich zu finden sind und die Szene galt eigentlich auch nicht gerade als christenfreundlich, ebenso wie die Heavy Metal Szene**.

Der Hype beginnt

Eine christliche Band zu sein galt lange als Stigma, denn es war im Grunde synonym zu “zweitklassige Musik mit sauberen Texten”. Nicht so im Metalcore: Hier entstand so ein Hype, dass es sogar als cool und hip galt, eine christliche Band zu sein (mit dem merkwürdigen Nebeneffekt, dass einige Bands von den säkularen Labels als christlich vermarktet wurden, ohne wirkliche Christen in der Band zu haben). Zeitweise galten die größten genreprägenden Bands alle christlich: Underoath, August Burns Red, Norma Jean, The Devil Wears Prada und Demon Hunter. Im Februar 2007 titelte das Fachmagazin Revolver, christlicher Metal wäre das prägende musikalische Phänomen des Jahres 2006 gewesen.

“2008 übte die Band Broadway Calls harsche Kritik an die Zusammensetzung des Lineups der Warped Tour 2008. In der Kritik ging es über die große Anzahl christlich-orientierter Künstler, die an der Tour teilnahmen, was es für die Band schwer machte sich wohl zu fühlen” – Quelle Wikipedia

Bis heute haben diese Bands eine große säkulare und atheistische Anhängerschaft, weil sie von den positiven Texten, aber auch von ihrer Qualität beeindruckt sind. Einige christliche Bands wurden sogar für den Grammy nominiert. Der Hype um diese Musikrichtung ist mittlerweile vorbei, trotzdem hat dies einen bleibenden Eindruck in der Szene hinterlassen und es gilt als das Musikgenre, was am meisten von Christen durchdrungen ist. Für mehr Details gibt es hier eine Untersuchung der Universität Helsinki zu dem Phänomen:
+ Innovation und Standardization in Christian Metalcore von Ibrahim Abraham

LICHT SCHEINT in der DUNKELHEIT AM HELLSTEN

Hier ein Beispiel dafür, wie Mattie Montgomery das Evangelium mitten auf der Warped Tour 2014 predigt (auf englisch natürlich). Triggerwarnung für sanfte Gemüter: Wenn die Musik einsetzt, bitte schnell ausschalten! ;-)

“I am living proof that there is life in the blood of that man that was spilled on that cross, there is freedom in the blood of that man that was spilled on the cross, if you are looking for hope, look to the cross, if you are looking for freedom, look to the cross, there is no other place where you can find freedom but in the blood of the one true king Jesus!”

Das hier ist keine christliche Tour, man beachte wie deutlich das Evangelium in der Kürze der Zeit gepredigt wird: Jesus Christus, das Kreuz, sein Blut, kein anderer Ort! Hier ein weiteres Beispiel von Mattie und seiner Band For Today, wie er nach 10 Jahren in dieser Musikszene auf dem letzten Abschiedskonzert seiner Band die Bilanz zieht (diesmal ohne Musik):

“They told us that this music sounded too scary to be christian!”

Wen es interessiert, was Gott in solchen Plätzen bewirken kann, dem sei das Buch von Mattie Montgomery “Lovely Things in Ugly Places” ans Herz gelegt, in dem der Sänger über seine Erfahrungen mit Gottes Wirken an solchen Orten schreibt.

Was haben die beiden Beispiele gemeinsam?

Sowohl Alvin Plantinga als auch die verschiedenen Bands gehören in ihren jeweiligen Bereichen zu den besten ihres Faches und genießen den Respekt der Kollegen. Plantinga hat 2017 den Templeton-Preis verliehen bekommen. In beiden Fällen wurde durch Exzellenz ein Zeugnis für Gottes Wirken in und durch Menschen aufgestellt. Beide Bereiche sind eher untypische Bereiche, viele Christen meiden sowohl die Philosophie als auch extremere Musikstile. Gerade in letzterem Bereich können die meisten sich gar nicht vorstellen, dass Gott auch hier wirken kann. Und das ist genau der Punkt, um den es geht: Traue ich Gott zu, dass er heute noch genauso wirkt, oder resigniere ich? Traue ich Gott zu, dass er mit seiner Kraft bis zur letzten Minute dieses Planeten durch mich “Salz und Licht” in dieser Gesellschaft verbreitet? Salz konserviert und verstärkt den Geschmack – genau dazu sind wir berufen und es gab nie eine bessere Zeit dafür als die heutige.

Occupy until I come!

Vor der Abreise rief er zehn seiner Diener zu sich und gab ihnen Geld, jedem ein Pfund. Arbeitet damit, bis ich wiederkomme!, sagte er. - Lukas 19:13

Dies ist das Gebot Jesu, was heute noch viel mehr für uns gilt als vor 2000 Jahren: Arbeitet, seid beschäftigt, okkupiert! Bis ich wiederkomme! In der englischen Übersetzung steht hier der Begriff “occupy“, der heute ein Aktivistenbegriff geworden ist. Ich finde die heutige Assoziation passend! Wir sind so lange beschäftigt, bis Jesus wiederkommt, wir hören nicht vorher auf. Wir resignieren nicht, wir sind Gottes Occupy-Bewegung!

»Der Gerechte aber wird aus Glauben leben«; doch: »Wenn er feige zurückweicht, so wird meine Seele kein Wohlgefallen an ihm haben«. Wir aber gehören nicht zu denen, die feige zurückweichen zum Verderben, sondern zu denen, die glauben zur Errettung der Seele. - Hebräer 10:38-39

FUßNOTEN

*) Paulus warnt in Kolosser 2:8 nicht allgemein vor der Philosophie, sondern er warnt die Kolosser vor einer Philosophie, die sich auf Überlieferung der Menschen stützt und ohne Christus auskommt. Viele Christen lassen den zweiten Teil des Verses oft aus und verkürzen die Aussage zu einer allgemeinen Warnung vor jeglicher Philosophie, was meiner Meinung nach verheerend ist und stumpfen Antiintellektualismus produziert.

**) Liebe Musikfreunde, verschont mich bitte mit spitzfindigen Kommentaren über subgenrespezifische Merkmale. Ich stelle diese Musikrichtung einer völlig unwissenden Leserschaft vor, da reichen meine didaktischen Reduzierungen völlig aus ;-)

VERGISS NICHT, TEIL 1 und TEIL 2 zu lesen!

+ Das Ende einer Epoche Teil 1 – Das Ende ist nahe!
+ Das Ende einer Epoche Teil 2 – Das Vakuum

Posted by TRLT in Endzeit, Erweckung, Lehre, Musik, Personen, Predigt, Verstand & Geist, Zeitgeschehen, 1 comment

Der hohle Mensch

Der moderne Mensch und ganz besonders auch der moderne (evangelikale) Christ ist meistens ein “hohler Mensch”, so wie Thomas Merton es beschreibt:

Ich liebe es, dieses falsche Ich zu verhüllen. (…) und ich hülle mich mit Vergnügen und Wonne in Erfahrungen wie in Verbände, um mich für mich selbst und für andere sichtbar zu machen, ganz so als wäre ich ein unsichtbarer Körper, der nur sichtbar werden kann, wenn etwas Sichtbares seine Oberfläche bedeckt. Doch unter den Dingen, in die ich mich hülle, ist keine Substanz. Ich bin hohl (…) Und wenn sie weg sind, bleibt nichts von mir übrig als Nacktheit und hohle Leere –Thomas Merton, New Seeds of Contemplation

Die einen hüllen sich in ihr Tun, Arbeit, Status und Identität und der Christ hüllt sich in seine Lehre, in seine “geistlichen Erfahrungen” und in seinen geistlichen Dienst. So ist beim Christen die Täuschung subtiler: Wir hüllen uns in etwas an sich Gutes, aber wenn wir es als Verkleidung benutzen, um unsere innere Leere damit einzukleiden, ist es umso gefährlicher.

Wenn ich Jesus begegne, werde ich erkannt, wie er mich erkannt hat: “Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.” (1. Kor 13:12). Das ist auch der Grund, warum so viele Menschen letztendlich Angst haben, stille zu werden und Gott nahe zu kommen: Wir erkennen, dass wir “arm, blind und bloß” sind (Offb 3:17) und Gott ist der, der die Herzen prüft (Sprüche 21:2).

Peter Scazzero vergleicht unser Leben mit einem Eisberg: Ein kleiner Teil ist sichtbar, der größte Teil ist jedoch unsichtbar. Das Hauptproblem mit dem heutigen Christentum ist, dass es nur den sichtbaren Teil des Eisbergs (unserer Seele) berührt (Peter Scazzero, Glaubensriesen – Seelenzwerge). William Lane Craig behauptet im folgenden Zitat dasselbe:

The problem, says Wells, is that while evangelicals have for the most part correct Christian beliefs, for far too many these beliefs lie largely at the periphery of their existence rather than at the center of their identity. At core they are hollow men, empty selves. –William Lane Craig, Philosophical Foundations of a Christian Worldview

Für müssen bei uns anfangen und brauchen eine “Ent-täuschung” (Bonhoeffer) über uns selber, eine Befreiung von jeder Selbsttäuschung. Jedes Mal wenn du dich innerlich fragst: “Wie konnte ich sowas nur tun?” beweist, dass du dich selber noch nicht tief genug kennst und dass dein Bild über dich selbst nicht mit Gottes Realität übereinstimmt.

“Die meisten von uns fallen ins Grab, ohne erfahren zu haben, wer sie sind” –Peter Scazzero

In der Nähe Gottes werden wir “erkannt” und erkennen uns selber. Wir können dies nicht alleine machen, das führt lediglich zur extrem ungesunden Selbstbespiegelung, ein Kreislauf des ständigen sich-um-sich-selbst-drehens, wobei mit jeder Drehung die Scham, Anklage und Schuld zunimmt. In Gottes Gegenwart ist es anders: Wir erkennen einerseits unsere Substanzlosigkeit, gleichzeitig aber auch seine Annahme und Geborgenheit.

Lass mich, Herr, mich selbst erkennen, auf dass ich Dich erkenne! –Augustinus

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